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Praxis gründen 2026: Die 5-Phasen-Roadmap zur eigenen Niederlassung

MediMeets Team
19. April 2026
7 Min. Lesezeit
Praxis gründen 2026: Die 5-Phasen-Roadmap zur eigenen Niederlassung

Zusammenfassung: Eine Praxis­gründung scheitert selten an fachlicher Kompetenz, häufig an fehlender Struktur. Dieser Leitfaden gliedert den Weg in fünf klare Phasen — von der Standort­analyse bis zum Go-Live — und zeigt, welche Entscheidungen wann anstehen, welche Kosten realistisch sind und wo die größten Stolper­steine auf dem Weg zur KV-Zulassung warten.

Wie viele Ärzte gründen in Deutschland jährlich?

Die Zahl der Niederlassungen in Deutschland schwankt, ist aber seit mehreren Jahren rückläufig im Verhältnis zur Zahl der in den Ruhestand gehenden Ärzt:innen. Die Arztzahlen-Statistik der Kassenärztlichen Bundes­vereinigung (KBV) dokumentiert jährlich, in welchen Fachgruppen und Regionen Versorgungs­lücken entstehen. Die Bundes­ärzte­kammer veröffentlicht ergänzende Statistiken zu Alters­struktur und Tätigkeits­formen.

Zwei Trends prägen die Situation 2026:

  • Die Einzel­praxis verliert Markt­anteile zugunsten von Berufs­ausübungs­gemein­schaften (BAG) und MVZ-Strukturen. Gründer:innen starten häufiger im Verbund als allein.
  • Die Nachfolge-Suche wird in vielen Fachgruppen schwieriger. Das bedeutet umgekehrt: Wer gründen oder übernehmen möchte, findet oft attraktivere Konditionen als noch vor fünf Jahren.

Beide Trends sind für Gründer:innen Chance und Verpflichtung zugleich — Chance, weil die Verhandlungs­position für gute Standorte gestiegen ist. Verpflichtung, weil die Versorgungs­verantwortung real ist.

Die 5 Phasen einer Praxisgründung

Ein realistisches Gesamt­fenster von der Grund­satz­entscheidung bis zum Go-Live liegt bei 9 bis 12 Monaten. Komprimierung auf sechs Monate ist möglich, erhöht aber das Risiko deutlich.

Phase 1 — Fundament (Monat 1–2)

Hier entscheiden Sie die strategischen Weichen: Fachrichtung bestätigen, Gründungs­form wählen (Einzel­praxis, BAG, MVZ), Patienten­zielgruppe definieren, grobes Geschäfts­modell und Finanzierungs­rahmen aufstellen. Parallel: Status­prüfung bei der zuständigen KV, ob für Ihren Wunsch­planungs­bereich überhaupt eine Zulassung möglich ist.

Phase 2 — Immobilie (Monat 3–4)

Standort­suche, Besichtigungen, Mietvertrags­prüfung. Parallel: Bauantrag bzw. Umbau­planung, wenn nötig. Achten Sie besonders auf Barriere­freiheit, Brandschutz, Hygiene­anforderungen der zuständigen Aufsicht und ausreichende Stell­platz­anzahl für Patient:innen.

Phase 3 — Medizintechnik & Einrichtung (Monat 5–7)

Geräte­auswahl (Kauf vs. Leasing), Praxis­einrichtung, Labor­anbindungen. Hier entscheidet sich ein großer Teil des Investitions­volumens. Beziehen Sie mindestens drei Angebote ein und verhandeln Sie aktiv — die Listen­preise sind in der Medizin­technik selten die finalen Preise.

Phase 4 — Personal (Monat 5–8, parallel)

Stellen­ausschreibungen für MFA und ggf. weitere Ärzt:innen. Der Arbeitsmarkt für MFA ist in vielen Regionen angespannt — planen Sie mindestens drei bis vier Monate Vorlauf ein, besonders wenn Sie auf erfahrene Kräfte mit TI-Erfahrung angewiesen sind.

Phase 5 — Compliance, IT & Go-Live (Monat 8–10)

KV-Zulassung abschließen, Betriebs­stätten­nummer (BSNR) beantragen, PVS auswählen und einrichten, Telematik­infrastruktur bestellen und anschließen, Qualitäts­management-Handbuch erstellen, Hygiene­plan finalisieren, Arbeits­schutz­unter­weisungen dokumentieren. Diese Phase ist die pflicht­lastigste — und gleichzeitig die, die sich am meisten durch digitale Struktur beschleunigen lässt.

Unser Gründer-Cockpit bündelt diese fünf Phasen mit Modulen, Checklisten und Zeit­leisten — so verlieren Sie parallele Arbeits­stränge nicht aus den Augen.

Was kostet eine Praxisgründung realistisch?

Die Existenz­gründungs­analyse der apoBank, die jährlich aktualisiert wird, ist die belastbarste öffentliche Datenquelle. Die Gesamt­investition variiert erheblich nach Fachrichtung:

  • Haus­arztpraxen liegen typischerweise im niedrigen sechs­stelligen Bereich bei Neugründung, bei Übernahme oft deutlich darunter (je nach Patienten­stamm und Ausstattung).
  • Facharzt­praxen mit apparativer Medizin (z.B. Kardiologie, Radiologie, Gastroenterologie) bewegen sich im mittleren bis oberen sechs­stelligen Bereich, getrieben durch Geräte­investitionen.
  • Zahn­arzt­praxen haben eine eigene Investitions­dynamik mit starker Fokussierung auf Behandlungs­einheiten und Labor­technik.

Die Einzel­zahlen ändern sich jährlich — prüfen Sie deshalb die aktuelle apoBank-Analyse oder die Daten Ihrer KV-Beratung für Ihre Fachgruppe. Grund­regel: Eigenkapital zwischen 15 und 30 % der Gesamt­investition wird von den meisten Finanzierern erwartet, der Rest als Fremd­kapital über spezialisierte Heilberufs-Banken.

Ein oft unter­schätzter Posten: die Anlauf­kosten der ersten sechs Monate, in denen die Praxis noch nicht die volle Patienten­frequenz erreicht hat. Planen Sie hier einen zusätzlichen Puffer von drei bis sechs Monats­fix­kosten ein.

Neugründung oder Übernahme — was passt zu wem?

KriteriumNeugründungÜbernahme
Investitions­volumenHoch, freie Wahl bei allen AusgabenKaufpreis + Modernisierung, oft insgesamt niedriger
Patienten­stammMuss aufgebaut werden (6–24 Monate)Besteht ab Tag 1
Gestaltungs­freiheitMaximal (Standort, Räume, Ausstattung)Eingeschränkt durch Bestand
RisikoHöher (Patienten­frequenz unsicher)Niedriger, aber Abhängigkeit von Übergabe­qualität
KV-ZulassungAbhängig von Planungs­bereich­statusKommt meist mit dem Sitz
Persönliche ProfileGründer­typen mit langem Atem, klarer VisionStabilitäts­orientierte, risiko­aversere Profile

Eine dritte Variante ist die Einstiegs­beteiligung in einer bestehenden BAG mit schritt­weiser Übernahme — sie verbindet Elemente beider Wege und ist in vielen Regionen der am schnellsten wachsende Niederlassungs­pfad.

KV-Zulassung & Bedarfsplanung — die größten Hürden

Die Bedarfs­planungs-Richtlinie des Gemeinsamen Bundes­ausschusses (G-BA) regelt, in welchen Planungs­bereichen für welche Fach­gruppen Zulassungen frei sind. Drei Szenarien sind zu unterscheiden:

  • Offener Planungs­bereich. Sie können sich direkt niederlassen, die Zulassung ist im Wesentlichen eine Form­sache.
  • Gesperrter Planungs­bereich. Ein freier Sitz wird über den Zulassungs­ausschuss neu vergeben — typischer­weise im Nachfolge-Verfahren nach einer ausgeschriebenen Praxis. Hier konkurrieren Sie mit anderen Bewerber:innen; Kriterien sind Fachzeit, Eignung und ggf. bestehende berufliche Bindungen.
  • Sonder­bedarf. In unter­versorgten Regionen kann eine zusätzliche Zulassung über Sonder­bedarfs-Anträge erfolgen, wenn die Versorgungslage dies rechtfertigt.

Die Zulassung ist formal der entscheidende Meilen­stein. Ohne sie dürfen Sie vertrags­ärztlich nicht tätig sein. Starten Sie deshalb die Zulassungs­gespräche mit Ihrer KV so früh wie möglich — nicht erst, wenn Räume und Geräte bereits stehen.

Standortwahl: Was entscheidet wirklich?

Der Standort ist die Entscheidung mit der langfristig größten Auswirkung und gleichzeitig die am schwersten rückgängig zu machende. Vier Faktoren sind in den meisten Analysen über­ragend wichtig:

  1. Demographie im Einzugs­gebiet. Alters­struktur, Haushalts­größen, Einkommens­lage — diese Daten bekommen Sie über die Statistischen Landes­ämter und spezialisierte Standort­analyse-Dienste. Für eine Fach­gruppe mit überwiegend älterer Patientel ist ein junges Neubau­gebiet ein schlechter Standort, so wünschens­wert er sonst auch ist.
  2. Wettbewerbs­dichte. Wie viele Praxen Ihrer Fach­gruppe versorgen das Einzugs­gebiet bereits? Die KV-Bedarfs­planung zeigt den Versorgungs­grad. Achtung: Formaler Versorgungs­grad und gefühlte Versorgung klaffen oft auseinander — die informelle Recherche vor Ort ergänzt die Statistik.
  3. Erreichbarkeit. ÖPNV-Anbindung, Parkplätze, Barriere­freiheit. Patient:innen mit eingeschränkter Mobilität machen in vielen Fach­gruppen einen relevanten Anteil aus — schlechte Erreichbarkeit kostet Sie messbar Frequenz.
  4. Makro-Umfeld. Nähe zu Apotheken, anderen Fach­arzt­praxen, Pflege­einrichtungen, Krankenhäusern. Ein dichtes Versorgungs­netz begünstigt gegenseitige Zuweisungen.

Das Standort-Modul im Gründer-Cockpit kombiniert diese Dimensionen und bewertet konkrete Adressen im direkten Vergleich.

Die typischen Fehler der ersten Gründung

Aus der Begleitung vieler Gründungen lassen sich fünf wiederkehrende Muster beobachten:

  • Zu ambitionierte Timeline. Wer in sechs Monaten gründen will, zahlt das in Stress und Qualitäts­kompromissen. 9–12 Monate sind realistisch.
  • Unter­schätzte Personal­kosten. Tarifliche Entwicklungen in den MFA-Berufen und die angespannte Personal­lage treiben die Lohn­kosten — Planung mit Stand von vor drei Jahren ist veraltet.
  • Zu späte PVS-Entscheidung. Das PVS ist nicht „nur Software", sondern prägt Arbeits­prozesse der nächsten 10–15 Jahre. Diese Entscheidung gehört in Phase 3, nicht in Phase 5 — zusammen mit der Medizintechnik-Planung. Unser PVS-Wechsel-Leitfaden hilft auch bei der Erst­auswahl.
  • Fehlender Puffer für Anlauf­phase. Eine neugegründete Praxis erreicht selten in weniger als sechs Monaten Voll­auslastung. Wer ohne Liquiditäts­reserve startet, gerät schnell unter Druck.
  • Alleingang bei Compliance-Themen. Hygiene, Arbeits­schutz, QM — diese Pflicht-Bausteine lassen sich zwar selbst erarbeiten, kosten aber massiv Zeit. Struktu­rierte Templates oder eine externe QM-Begleitung amortisieren sich praktisch immer.

Digitalisierung spielt für Neugründungen eine besondere Rolle: Ab Tag 1 mit modernen, integrierten Prozessen zu starten, ist einfacher als später umzubauen. Unser Digitalisierungs-Leitfaden zeigt, welche Hebel sich von Anfang an lohnen.

FAQ

Brauche ich einen Business­plan?

Ja — für die Finanzierung ist er zwingend, für die eigene Klarheit hilfreich. Die Heil­berufs-Banken haben eigene Templates, an denen Sie sich orientieren können.

Was passiert, wenn der Zulassungs­ausschuss ablehnt?

Gegen die Ablehnung ist Widerspruch möglich, häufig ist jedoch eine erneute Bewerbung auf einen anderen frei­werdenden Sitz der pragmatischere Weg. Eine frühe, ehrliche Einschätzung durch Ihre KV hilft, Bewerbungs­chancen realistisch einzuschätzen.

Kann ich mit Teilzulassung starten?

Ja. Halbe Zulassungen sind grundsätzlich möglich und insbesondere in Kombi­nationen (z.B. mit einer Anstellung in einem Kranken­haus oder MVZ) verbreitet. Die organisato­rische Komplexität steigt, das Risiko sinkt.

Wie finde ich eine gute Nachfolge-Praxis?

Neben den Ausschreibungen der KVen gibt es spezialisierte Vermittler und Netzwerke. Fach­gruppen-spezifische Kongresse und regionale Ärzte­netze sind oft die inoffizielle beste Quelle — weil viele Nachfolgen nie öffentlich ausgeschrieben werden.

Wie früh sollte ich das PVS auswählen?

Idealer­weise in Phase 3 (Monat 5–7), parallel zur Medizin­technik-Planung. So haben Sie ausreichend Zeit für Installation, Konfiguration und Schulung vor dem Go-Live, und die Schnitt­stellen zu Geräten lassen sich sauber planen.

Wo finde ich strukturierte Unterstützung für den gesamten Prozess?

Ihre KV bietet Erst­beratungen, spezialisierte Steuer­berater und Banken ergänzen fach­liche Expertise. Für die durchgängige Projekt­steuerung bündelt unser Gründer-Cockpit alle fünf Phasen — inklusive Modulen für Finanzen, MedTech, Personal, IT und Compliance.


Nächster Schritt: Werfen Sie einen Blick ins Gründer-Cockpit — dort finden Sie Module, Checklisten und Zeit­leisten für jede der fünf Phasen.

Tags:
PraxisgründungNiederlassungKV-ZulassungLeitfaden

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